05.06.2026
Zwischen Wahrheit und Überzeugungen
Wenn Zeitgeist und Glaube aufeinandertreffen
Von Sabine Derron
Wer heute in die Welt hinausschaut, könnte leicht den Eindruck gewinnen, dass jeder die Wahrheit besitzt. In politischen Debatten meint jede Seite, den einzig richtigen Weg zu kennen. Die einen sind überzeugt, dass mehr staatliche Kontrolle die Lösung ist, die anderen setzen auf maximale Freiheit des Einzelnen. Beide beanspruchen für sich, die Wirklichkeit richtig zu sehen.
Nicht nur in der Politik ist das so. Auch in gesellschaftlichen Fragen, in der Wissenschaft, in den Medien und leider auch in christlichen Kreisen begegnen wir einer Vielzahl von Wahrheitsansprüchen. Viele meinen, den Durchblick zu haben.
Wenn wir die Geschichte betrachten, erkennen wir, dass jede Epoche von einem bestimmten Zeitgeist geprägt wurde. Die verschiedenen kulturellen Strömungen und Denkweisen haben ganze Generationen beeinflusst. Die Values academy spricht davon, dass jede Zeit ihre eigenen Werte und Überzeugungen hervorbringt, die das Denken der Menschen formen.
Dabei waren nicht nur Menschen ohne Jesus betroffen. Auch Christen standen und stehen unter dem Einfluss des jeweiligen Zeitgeistes.
Unser heutiger Zeitgeist ist stark vom Individualismus geprägt. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Persönliche Gefühle und Empfindungen werden hochgeschrieben. Was sich für mich richtig anfühlt, wird schnell zur Wahrheit erklärt. Und wenn mir eine Wahrheit nicht mehr zusagt, suche ich mir eine andere, die besser zu meinen Vorstellungen passt.
Alles muss „stimmig“ sein.
Doch ich frage mich: Ist das wirklich der Maßstab, den Jesus uns gegeben hat?
Jesus begann seinen Dienst mit den Worten:
„Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahegekommen.“
(Matthäus 4,17)
Buße bedeutet Umkehr. Es bedeutet, falsche Wege zu verlassen und Gottes Weg einzuschlagen. Aber Hand aufs Herz: Ist Umkehr immer stimmig? Fühlt sie sich immer gut an?
Wohl kaum.
Oft kostet sie uns etwas. Stolz. Bequemlichkeit. Gewohnheiten. Manchmal sogar lang gehegte Überzeugungen.
Jesus fordert uns nicht in erster Linie dazu auf, unserem Herzen zu folgen, sondern ihm nachzufolgen.
Gerade im prophetischen Dienst nehme ich immer wieder wahr, dass Menschen ein Wort Gottes zunächst gerne annehmen solange es bestätigt, was sie ohnehin schon glauben oder wünschen. Wenn jedoch ein prophetisches Wort zur Umkehr aufruft oder einen schwierigen Lebensbereich anspricht, wird es schnell als „nicht von Gott“ oder „falsch“ bezeichnet. Nicht unbedingt, weil es tatsächlich falsch wäre, sondern weil es sich nicht stimmig anfühlt.
Doch Wahrheit war noch nie davon abhängig, ob sie angenehm ist.
Die Frage bleibt also:
Welche Wahrheit stimmt denn nun?
Ist sie konservativ? Charismatisch? Evangelikal? Liberal? Messianisch? …..
Wer trägt die Wahrheit?
Oder anders gefragt: Was meinte Jesus, als er sagte:
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch mich.“
(Johannes 14,6)
Jesus sagte nicht: „Ich kenne die Wahrheit.“
Er sagte: „Ich bin die Wahrheit.“
Die Wahrheit ist letztlich keine Lehrmeinung, keine Denomination und keine geistliche Strömung. Die Wahrheit ist eine Person.
Gleichzeitig erinnert uns Paulus daran:
„Denn wir erkennen stückweise und wir weissagen stückweise.“
(1. Korinther 13,9)
Später ergänzt er:
„Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels wie im Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht.“
(1. Korinther 13,12)
Das fordert unsere Demut heraus. Offenbar werden wir auf dieser Erde niemals die ganze Wahrheit in ihrer Fülle erkennen. Wir sehen nur Ausschnitte. Wir verstehen nur Bruchstücke.
Vielleicht täte uns diese Erkenntnis manchmal gut, wenn wir wieder einmal davon überzeugt sind, alles richtig verstanden zu haben.
Woran darf ich mich also orientieren?
Da ich von meinem Wesen her eher einfach gestrickt bin, halte ich mich an Jesus. Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass er der einzige Weg zum Vater ist. Und ich stimme mit Paulus überein, dass wir nur Stückwerk erkennen.
Deshalb möchte ich mich weniger damit beschäftigen, wer in allen theologischen Detailfragen recht hat, und mehr damit, was Jesus wichtig ist.
Er sagte:
„Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles hinzugefügt werden.“
(Matthäus 6,33)
Wenn wir sein Reich suchen, seine Gegenwart lieben und seinen Willen tun wollen, werden manche Nebenschauplätze kleiner.
Ob ich meine Hände im Gottesdienst höher hebe oder tiefer halte. Ob ich beim Gebet die Augen schliesse oder offenlasse. Ob mein Lobpreis lauter oder leiser ist.
All das kann wichtig sein aber es ist nicht das Zentrum.
Das Zentrum bleibt Jesus.
Möge Gott uns die Gnade schenken, ihn immer besser zu erkennen. Möge er uns vor Stolz bewahren und uns ein demütiges Herz schenken, das bereit ist, von ihm korrigiert zu werden.
Denn am Ende geht es nicht darum, dass wir die Wahrheit besitzen.
Es geht darum, dass die Wahrheit uns besitzt.